Eine aufgeschnittene Zitrone neben dem Bett soll für besseren Schlaf sorgen. Im Internet kursiert dieser Tipp seit Jahren – häufig kombiniert mit etwas Salz, das den Duft der Zitrone verstärken soll. Doch was steckt wirklich dahinter?
Zitronenduft kann die Stimmung beeinflussen. Dass er deshalb automatisch für besseren Schlaf sorgt oder sogar Erkältungen lindert, lässt sich wissenschaftlich allerdings nicht behaupten. Wer den frischen Geruch mag, kann die Methode trotzdem ausprobieren. Einen medizinischen Effekt sollte man davon jedoch nicht erwarten.
Was steckt hinter dem Zitronen-Trick?
Die Anwendung ist denkbar einfach: Eine Zitrone wird in Scheiben geschnitten und auf einen Teller gelegt. Häufig wird zusätzlich etwas Salz darübergestreut. Anschließend kommt der Teller neben das Bett.
Die Idee dahinter: Beim Aufschneiden der Frucht werden flüchtige Duftstoffe freigesetzt, die sich im Raum verteilen. Das Salz soll diesen Effekt verstärken. Ob dadurch tatsächlich mehr ätherische Öle in die Raumluft gelangen und ob das wiederum den Schlaf verbessert, ist allerdings nicht ausreichend untersucht.
Auch die oft zitierte Studie der Ohio State University belegt das nicht. Die Forschenden untersuchten 56 gesunde Erwachsene, die unter kontrollierten Laborbedingungen unter anderem Zitronenöl, Lavendelöl oder Wasser als geruchsfreie Kontrolle wahrnahmen. Zitronenöl führte dabei zu einer messbar positiveren Stimmung. Die Untersuchung befasste sich jedoch vor allem mit Stimmung, Stressreaktionen sowie verschiedenen körperlichen Parametern – nicht mit der Frage, ob eine Zitrone auf dem Nachttisch die Schlafqualität verbessert.
Zitronenduft macht nicht automatisch müde
Interessant ist sogar, dass die Ergebnisse nicht unbedingt zu dem verbreiteten Bild vom beruhigenden Zitronenduft passen. Die Forschenden ordneten Zitronenöl eher eine aktivierende beziehungsweise stimmungsaufhellende Wirkung zu. Einen eindeutigen Effekt auf Blutdruck, Herzfrequenz oder Cortisol konnten sie nicht feststellen.
Auch neuere Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Gerüchen und Schlaf zeichnen ein zurückhaltendes Bild. Eine Studie mit 139 gesunden Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand keinen konsistenten direkten Effekt von Gerüchen auf den Schlaf. Entscheidend schien vielmehr zu sein, wie angenehm die jeweilige Person den Geruch empfand.
Das erklärt möglicherweise, warum manche Menschen von Duftstoffen vor dem Einschlafen profitieren: Ein angenehmer Geruch kann entspannen, während ein als unangenehm empfundener Duft eher stört.
Und was bringt das Salz?
Für die Behauptung, Salz verstärke die ätherischen Öle der Zitrone so stark, dass dadurch ein besseres Raumklima oder eine besondere Schlafwirkung entsteht, gibt es keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg.
Wer den Zitronentrick ausprobieren möchte, kann deshalb problemlos auf das Salz verzichten. Eine halbierte oder aufgeschnittene Zitrone reicht aus, wenn es vor allem um den frischen Duft geht.
Hilft Zitronenduft bei Erkältungen?
Der Duft einer Zitrone kann als angenehm empfunden werden, eine Behandlung von Erkältungen oder Atemwegsinfekten ist daraus aber nicht abzuleiten.
Die häufig zu findende Empfehlung, zusätzlich Zwiebeln neben das Bett zu legen, gehört ebenfalls eher in den Bereich traditioneller Hausmittel. Ein belastbarer Nachweis dafür, dass Zitronen- oder Zwiebeldämpfe Atemwegsinfektionen behandeln oder die Krankheitsdauer verkürzen, fehlt.
Das in Zitronen enthaltene Vitamin C ist dagegen tatsächlich wichtig für den Körper. Wer es über die Ernährung aufnimmt, kann damit zur normalen Funktion des Immunsystems beitragen. Ein Teller mit Zitronenscheiben neben dem Bett ersetzt eine ausgewogene Ernährung allerdings nicht.
Zitrone gegen Mücken?
Auch der Tipp, Zitronenscheiben mit Nelken gegen Mücken einzusetzen, ist weit verbreitet. Auf einen zuverlässigen Schutz sollte man sich darauf jedoch nicht verlassen. Wenn Mücken tatsächlich ferngehalten werden sollen, sind erprobte Maßnahmen wie Insektenschutzgitter oder geeignete Repellentien wesentlich verlässlicher.
Funktioniert Zitronenöl besser?
Zitronenöl enthält konzentrierte Duftstoffe und kann deshalb intensiver riechen als eine frische Frucht. Daraus folgt aber nicht automatisch eine bessere Wirkung auf den Schlaf.
Bei ätherischen Ölen gilt zudem: Weniger ist mehr. Sie sollten nicht unverdünnt auf die Haut aufgetragen oder direkt in der Nähe von Augen und Schleimhäuten verwendet werden. Wer einen Diffuser benutzt, sollte außerdem für ausreichende Belüftung sorgen und beachten, dass intensive Düfte manche Menschen beim Schlafen sogar stören können.
Lavendel ist besser untersucht
Wer gezielt einen Duft zur Entspannung vor dem Schlafengehen ausprobieren möchte, landet eher bei Lavendel. Für Lavendel gibt es zumindest einige Untersuchungen, die auf einen möglichen positiven Einfluss auf Entspannung und Schlaf hindeuten. Auch hier ist die Studienlage allerdings nicht stark genug, um daraus eine medizinische Behandlung von Schlafstörungen abzuleiten.
Entscheidend dürfte letztlich die individuelle Reaktion sein: Ein Duft, den man als angenehm und beruhigend empfindet, kann das Einschlafritual unterstützen. Ein unangenehmer oder zu intensiver Geruch kann dagegen genau das Gegenteil bewirken.
Fazit: Frischer Duft statt Wundermittel
Eine aufgeschnittene Zitrone neben dem Bett ist ein unkomplizierter Hausmittel-Trick. Wer den frischen Duft mag, kann ihn durchaus als Teil seiner Abendroutine ausprobieren. Wissenschaftlich belegt ist allerdings nicht, dass die Zitrone den Schlaf verbessert, Erkältungen behandelt oder die Atemwege von Krankheitserregern befreit.
Die oft zitierte Ohio-State-Studie liefert dafür keinen Beleg. Sie zeigt vielmehr, dass Zitronenduft unter Laborbedingungen die Stimmung positiv beeinflussen kann.
Für einen besseren Schlaf sind deshalb die bekannten Grundlagen deutlich wichtiger: ein regelmäßiger Schlafrhythmus, ein möglichst dunkles und ruhiges Schlafzimmer, eine angenehme Raumtemperatur und ausreichend Zeit für die Nachtruhe. Die Zitrone darf dabei gern auf dem Nachttisch liegen – als angenehmer Duft, nicht als medizinisches Schlafmittel.
